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Editorial
Die Redaktion eröffnet das Heft mit einem Editorial, das die Titelgeschichte über Schuldgefühle einführt. Der Text erklärt den Begriff »parental guilt« und verweist auf ein Gespräch mit dem Psychologieprofessor Tobias Luck, der Einsichten zur Verbreitung und Ursachen elterlicher Schuld liefert. Die Autorin betont, dass Mütter häufiger und intensiver Schuld empfinden als Väter und nennt mögliche Gründe wie Rollenverteilung und internalisierte Normen. Abschließend kündigt das Heft die Titelgeschichte mit sieben Formen von Schuldgefühlen, Tests und einem Interview an und wünscht den Lesern entlastende Erkenntnisse.
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Keine Angst … über Schizophrenie zu sprechen
Die Erzählerin beschreibt ihre Erfahrungen mit einer Psychose und der anschließenden Diagnose Schizophrenie. Sie schildert Gefühle von Scham, Angst vor Ablehnung und die schwierige Phase nach dem Klinikaufenthalt. Zugleich berichtet sie von unterstützenden Kontakten, etwa zur Mutter einer Freundin, die offen mit ihrer Erkrankung umgeht. Insgesamt plädiert sie dafür, über Schizophrenie zu sprechen, Enttabuisierung voranzutreiben und zeigt, dass mit geeigneter Behandlung gutes Leben möglich ist.
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Der literarische Patient
Der Beitrag stellt einen literarischen Patienten vor, der als oberflächlich und narzisstisch erscheint und damit die analytische Neugier weckt. Die Schilderung seines Verhaltens führt zu einer Reflexion über Konsumverhalten, Selbstinszenierung und gesellschaftliche Beschleunigung. Der Autor verbindet klinische Beobachtung mit kulturkritischen Bemerkungen, etwa zur Bedeutung von Bargeld als Widerstandsform gegen Beschleunigung. Insgesamt verbindet der Text Psychoanalyse mit literarischer Interpretation und gesellschaftlicher Kritik.
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Das stört Larissa Wolkenstein
Die Autorin warnt vor der unregulierten Verwendung des Titels »Traumatherapeutin«, weil damit Fehldeutungen und suggestive Methoden Verbreitung finden können. Sie erläutert, dass es keinen rechtlich geschützten Qualifikationsstandard für diesen Titel gibt und dies Raum für nicht evidenzbasierte Angebote öffnet. Wolkenstein plädiert für einen Titelschutz, Approbationspflicht und verbindliche Ausbildungs- und Supervisionsstandards. Ziel ist, Betroffene vor schädlichen Interventionen zu schützen und die Versorgungsqualität zu sichern.
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Systemisches Porträt: Eine Übung, um sich einzuordnen
Der Text erklärt eine Übung zur Selbsterkenntnis, bei der man ein großes Blatt Papier verwendet, in dessen Zentrum »ICH« steht. Schrittweise werden wichtige Umwelten und Kontakte wie Familie, Arbeit, Freundeskreis und Nachbarschaft eingezeichnet und nach Nähe zum Zentrum positioniert. Die Anleitung regt an, Farben, Symbole und Pfeile zu verwenden, um Beziehungen und Gefühle abzubilden. Ziel ist es, durch die Außenperspektive mehr über die eigene Position im sozialen Netzwerk zu lernen.
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Spiegeltest: Meilensteine der Psychologie
Der Artikel erläutert den Spiegeltest als Verfahren zur Überprüfung, ob ein Individuum sich im Spiegel selbst erkennt. Er beschreibt Gordon Gallups Experiment von 1970 mit Schimpansen und die anschließenden Studien, die zeigten, dass einige Primaten, bestimmte Vögel und andere Tierarten sich selbst erkennen können. Außerdem wird Beulah Amsterdams Arbeit vorgestellt, die aufzeigte, dass Kinder die Selbstwahrnehmung im zweiten Lebensjahr entwickeln. Abschließend werden historische Meilensteine der Forschung zur Selbstwahrnehmung skizziert.
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Ein Bild, zwei Fragen – David Rott
Der Text ist ein Projektives-Interview, in dem David Rott ein Bild interpretiert und eine persönliche Geschichte erzählt. Er berichtet von einem Freund, dessen waghalsiger Aktion zu einem tragischen Verlust führte, und reflektiert Gefühle von Trauer, Schuld, Dankbarkeit und dem Wert von Freundschaften. Rott beschreibt, wie Erinnerungen Gerüche, Stimmen und Emotionen lebendig halten und wie er aktiv dafür sorgt, dass Freunde nicht nur Bilder in seinem Kopf werden. Die Erzählung verbindet biografische Reflexion mit dem therapeutischen Wert des Erzählens.
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Mit mir ins Reine kommen
Der lange Titelartikel präsentiert eine Differenzierung des schlechten Gewissens in mindestens sieben Varianten (z. B. Beziehungsschuld, Selbstregulationsschuld, Zukunftsschuld, induzierte Schuld, Ichschuld, allgemeine Schuld vs. Scham). Anhand von Fallbeispielen und Forschungsergebnissen werden die Mechanismen und Folgen jeder Schuldform erklärt. Der Artikel zeigt, welche Funktionen Schuldgefühle haben, aber auch wie sie zu psychischer Belastung führen können. Abschließend werden praktische Interventionen, Tests und therapeutische Hinweise gegeben, um mit verschiedenen Schuldformen konstruktiv umzugehen.
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Wenn Briefe aus der Haft kommen
Der Text schildert eindringlich die Situation von Angehörigen inhaftierter Menschen: Schock, Stigmatisierung, organisatorische Hürden und emotionale Belastungen. Es werden verschiedene Perspektiven beleuchtet – Partnerinnen, Kinder, Eltern – und die Auswirkungen auf Beziehungen, Beruf und soziale Einbindung erklärt. Die Autorin beschreibt, wie Kinder besonders verletzlich sind, wenn von der Haftumstände verschwiegen wird, und wie Eltern oft mit Scham und Isolation kämpfen. Schließlich werden Hilfsangebote und Beratungsstellen genannt sowie die Bedeutung von Offenheit und Unterstützung für das Wohlbefinden der Betroffenen hervorgehoben.
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Was wir nicht festhalten, kann sich bewegen
Der Beitrag erklärt, dass Schmerzen nicht nur physiologisch, sondern auch psychologisch beeinflusst sind. Er zeigt, wie Aufmerksamkeit, Bewertung und Erwartungen Schmerzen verstärken oder abschwächen können. Methoden wie Ablenkung, Achtsamkeit, Bewegung, Entspannungs- und Körperübungen sowie psychologische Schmerztherapien werden als wirksame Strategien beschrieben. Zudem wird auf das Risiko von Schonverhalten und Schmerzkatastrophisierung hingewiesen und die Rolle von Placebo- bzw. Erwartungseffekten erläutert. Der Artikel gibt konkrete Empfehlungen zur Selbstfürsorge und Therapie bei chronischen Schmerzen.
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Die brave Gehilfin (Therapiestunde)
Der Fall schildert eine engagierte Grundschulrektorin, deren Burnout mit einem übermäßigen Pflichtgefühl und dem Versuch, es allen recht zu machen, zusammenhängt. Die Therapeutin analysiert biografische Faktoren, darunter die Rolle als Erstgeborene und die Identifikation mit fürsorglichen Mutterfiguren, die zu Überanpassung und fehlender Grenzziehung führten. Therapeutische Arbeit zielt darauf ab, die Fähigkeit zu konstruktiver Aggression, Setzen von Grenzen und die Unterscheidung von Wollen und Müssen zu stärken. Der Text zeigt, wie therapeutische Reflexion zu neuen Handlungsspielräumen und Selbstfürsorge führt.
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„Haushalt ist für Männer meist kein Thema, aber fehlender Sex“ (Interview)
Im Interview erläutern die Psychoanalytiker, dass Haushaltskonflikte häufig tieferliegende, unbewusste Muster widerspiegeln – etwa Übertragungen auf Mutterfiguren, Rollen aus der Herkunftsfamilie und Schwierigkeiten mit Abgrenzung. Männer klagen eher über fehlende Nähe und Sexualität, Frauen über ungleiche Lasten im Haushalt. Die Gesprächspartner betonen die Bedeutung von klarer Kommunikation, Verantwortungsübernahme, dem Erkennen eigener innerer Elternbilder sowie praktischen Verhandlungsstrategien. Es werden konkrete Schritte für konstruktive Konfliktgespräche und Hinweise für Interventionen außerhalb der Therapie diskutiert.
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Psychologie nach Zahlen: Den Stress wegschwitzen
Der Beitrag fasst Forschungsergebnisse zusammen, wie körperliche Aktivität Stress reduziert: durch physiologische Effekte (Kortisolreduktion, Endorphinausschüttung), emotionale Regulation (Stimmungsaufhellung), integrative Praktiken (Yoga, Tai Chi) die Körper und Geist verbinden, die Stärkung von Resilienz und Selbstwirksamkeit sowie soziale Aspekte bei gemeinsamer Bewegung. Studien zeigen, dass regelmäßige Bewegung Angst und depressive Tage reduziert und die Erholung vom Stress fördert. Praktische Empfehlungen reichen von Achtsamkeitsübungen über Routinen bis zur Nutzung von Bewegung als Teil interdisziplinärer Schmerz- und Stresstherapien.
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Im Fokus: Geschichte der Willenskraft
Das Interview zeichnet nach, wie um 1900 Willenspsychologie entstand, um moralische Orientierung in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche zu bieten. Später wandelte sich das Interesse zur Motivationspsychologie, die nach objektiven und messbaren Determinanten menschlichen Handelns fragt. Der Gast erläutert, wie Forschung und Politik – etwa im Kalten Krieg und im Bildungswesen – miteinander verflochten waren und wie Erwartungen an »Willenskraft« gesellschaftliche Programme beeinflussten. Abschließend diskutiert das Interview, dass heutige Debatten um Selbststeuerung unterschiedliche normative Implikationen haben und immer wieder Kritik an der Überdehnung psychologischer Lösungen auf soziale Probleme angebracht werden sollte.
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Diskrepanzen
Der kurze Beitrag erklärt, dass Diskrepanzen zwischen Erwartungen und tatsächlichen Erlebnissen eine breite Palette von Gefühlen hervorrufen können – von Ärger über Schuld bis zu Freude. Er verweist auf Leon Festingers Theorie der kognitiven Dissonanz und einflussreiche Beispiele wie Sektenanhänger, die nach einem ausgebliebenen Weltuntergang ihre Haltung neu bewerten. Der Text betont, dass Kontext entscheidend ist, welche Emotionen eine Diskrepanz hervorruft und wie Menschen sie kognitiv auflösen.
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Online politische Diskussionen
Ein kollektives Feldexperiment mit rund 500 Teilnehmenden in mehreren Reddit-Foren untersuchte Ursachen der Dominanz weniger politisch aktiver Männer. Die Studie fand, dass mangelnde Anreize für neue Nutzer, fehlende Qualitätssignale, unzureichende Durchsetzung von Regeln gegen Toxizität und das Fehlen von Begrenzungen für Kommentarmengen zur geringen Breitenpartizipation führen. Trotz Interventionen änderte sich die Polarisierung wenig. Die Ergebnisse legen nahe, dass strukturelle Änderungen nötig sind, um inklusivere politische Debatten zu fördern.
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Schlaf und Bewegung
Eine Analyse großer, objektiver Monitoring-Daten ergab, dass etwa 12,9 % der untersuchten Personen über 3½ Jahre sowohl ausreichend Schlaf als auch ausreichende körperliche Aktivität erreichten. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass guter Schlaf positiv auf körperliche Aktivität wirkt, während die umgekehrte Beziehung schwächer ausfällt. Methodisch nutzten die Forschenden Sensoren und Smartwatches zur Erfassung. Die Befunde unterstreichen die Bedeutung von Schlaf als Grundlage für ein aktiveres Verhalten und somit für Gesundheit.
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Berühmte Sängerinnen und Sänger: Großer Ruhm verkürzt das Leben
Die Untersuchung verglich Sterblichkeitsdaten prominenter Sängerinnen und Sänger aus Acclaimed Music mit weniger bekannten Künstlern aus Discogs. Besonders bekannte Künstler starben im Mittel etwa vier Jahre früher als weniger berühmte Kollegen. Die Autorinnen vermuten als Ursachen dauerhafte öffentliche Beobachtung, Erwartungsdruck, Verlust von Privatsphäre und maladaptives Coping. Die Studie beleuchtet die gesundheitlichen Risiken extremer Berühmtheit in der Musikbranche.
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Schulunterricht: Unmotiviert und unterfordert
In einer intensiven Erhebungsstudie gaben 95 Neuntklässlerinnen und -schüler über zwei Wochen hinweg wiederholt Auskunft zum Interesse, Verständnis und zur Langeweile im Wirtschaftsunterricht. Die Forschung fand, dass Langeweile häufig aus Unterforderung resultiert und dass anhaltendes Desinteresse das Verständnis mindert. Das Befundmuster zeigte, dass Unterrichtsgestaltung, die Interesse und Angemessenheit fördert, Lernprobleme reduzieren kann. Pädagogisch relevant ist die Förderung von Herausforderungen ohne Überforderung.
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Verzeihen — Es ist nicht immer sinnvoll
Die Autoren präsentieren drei Studien mit rund 900 Teilnehmenden, die Verletzungen erinnern und ihre Reaktionen messen. Die Ergebnisse zeigen, dass das bewusste Verweigern von Verzeihen in manchen Fällen das Selbstwertgefühl und das Gefühl von Kontrolle wiederherstellen kann. Verzeihen wirkt nicht für alle gleich wohltuend; es gibt individuelle Unterschiede und manche Menschen profitieren eher von klarer Abgrenzung als von Versöhnung. Die Studien regen an, Vergeben nicht pauschal als moralischen Imperativ vorauszusetzen, sondern kontext- und personenabhängig zu betrachten.
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Nachgeforscht: Schwere einer Persönlichkeitsstörung
Die Forscherinnen und Forscher erläutern, dass die traditionelle kategoriale Einteilung von Persönlichkeitsstörungen oft unzureichend ist. In ihrer multimedialen Studie identifizierten sie vier zentrale Mechanismen, die die Schwere einer Störung bestimmen: Nähe- und Beziehungsfähigkeit, Empathie, Abwehrmechanismen und Identitätskohärenz. Diese Dimensionen erlauben die Ermittlung eines generellen G-Faktors für Schweregrad. Besonders zwischenmenschliche Defizite erwiesen sich als zentral für die Einschätzung der Störungsschwere.
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Forschungslandschaft: Researcher of the Future
Die Elsevier-Umfrage unter 3200 Forschenden aus 113 Ländern zeigt steigenden Publikationsdruck und weniger Zeit für Forschungstätigkeiten. 68 % berichteten von wachsender Publikationsanforderung, viele fühlen sich in Verwaltung und Mittelbeschaffung gebunden. Nur rund ein Drittel rechnet mit mehr Forschungsförderung in den nächsten zwei Jahren; besonders unsicher in den USA. Bis zu 40 % der US-Forschenden denken über Auswanderung nach, global sind es etwa 30 %. Die Ergebnisse heben strukturelle Belastungen in der Wissenschaft hervor.
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Jugendliche in Therapie: Haltung zeigen, Vertrauen erzeugen
Interviews mit zehn Therapeutinnen und Therapeuten in Finnland zeigen, dass Beziehungsaufbau bei Jugendlichen mit psychopathischen Merkmalen besonders schwierig ist. Wichtige therapeutische Haltungen sind Humor, Empathie, das Anbieten von Sicherheit und das stetige Wiederaufbauen von Vertrauen. Jugendliche nehmen Therapie oft eher als Treffen denn als klassische Sitzung wahr; Autorität funktioniert kaum. Die Studie betont, dass Therapien auf Augenhöhe und mit Respekt sowie Bewältigungsstrategien gegen Gruppen- oder Peer-Einflüsse arbeiten müssen.
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Präsentismus: Krank arbeiten schadet
In einer Studie mit 123 Berufstätigen, die über drei Monate mehrfache Erhebungen machten, zeigte sich, dass Wochen mit Arbeiten trotz Krankheit (Präsentismus) zu deutlich erhöhtem Erschöpfungsniveau führten. Die Betroffenen regenerieren langsamer, die Erschöpfung bleibt länger bestehen. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass Kranksein und Arbeitsfähigkeit ernst genommen werden sollten, um langfristige Belastungsfolgen zu vermeiden und die Gesundheit nicht zu gefährden.
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Menopause: Symptome erschweren Sport
Befragt wurden 187 aktive Ausdauersportlerinnen zu menopausalen Symptomen und deren Auswirkungen auf Training und Leistung. Häufig berichtete Beschwerden waren Schlafstörungen, Erschöpfung und Muskelschmerzen, die mit zunehmendem Alter häufiger die Trainingsleistung beeinträchtigten. Die Studie unterstreicht die Notwendigkeit, Trainingspläne und Unterstützungsangebote auf die Bedürfnisse menopausaler Sportlerinnen anzupassen und Symptome ernst zu nehmen.
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Routinen bei Kindern
Die Auswertung von Daten aus der Future of Families and Child Wellbeing Study deutet auf wechselseitige Effekte zwischen elterlichem Verhalten und kindlichem Routinenverhalten hin. Elternstress und strenge Erziehungspraktiken erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder Schwierigkeiten mit Regeln entwickeln. Umgekehrt schützen akzeptierte Routinen Kinder vor Verhaltensproblemen. Die Studie unterstreicht die Bedeutung stabiler Tagesstrukturen und einer stressarmen Elternumgebung für die gesunde Entwicklung.
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Überzeugungen: Unkritisch geliebt
Zwei untersuchte Fallbeispiele zeigen unterschiedliche Formen von Glaubens- und Einstellungsänderungen: Beim als Beispiel dienenden Film »Vom Winde verweht« berichteten Zuschauerinnen nach kritischer Kontextualisierung über eine veränderte, aber nicht lebensumwälzende Haltung. Im Gegensatz dazu erleben manche Menschen bei der Hinwendung zu Verschwörungsglauben eine starke Erweckungserzählung mit radikaler Weltanschauung. Die Autoren betonen, dass belief change narrativ vermittelt, sozial eingebettet und kulturell geprägt ist.
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Das Porträt: Isabel Thielmann
Das Porträt skizziert den Werdegang von Isabel Thielmann: von der Leistungssportlerin zur internationalen Forscherin in Persönlichkeitspsychologie. Thielmann kombiniert ökonomische Experimente mit Persönlichkeitsmaßen, um Kooperation, Altruismus und Ehrlichkeit zu untersuchen. Ihr Forschungsteam arbeitet mit sorgfältiger Methodik, großen Stichproben und kreativen Paradigmen, die Aufschluss über individuelle Motive und situative Einflüsse geben. Neben wissenschaftlichen Erfolgen wird Thielmann als engagierte und sympathische Forscherin beschrieben, die das Thema prosoziales Verhalten aus neuen Blickwinkeln beleuchtet.
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Ein besonderer Blick auf den Menschen – Isabel Thielmann
Das Porträt stellt die Psychologin Isabel Thielmann vor und beschreibt ihren besonderen methodischen Ansatz: die Nutzung des HEXACO-Modells, insbesondere der Dimension Ehrlichkeit–Bescheidenheit (H-Faktor). Thielmanns Studien zeigen, dass der H-Faktor vorhersagt, wer fair teilt, wer schummelt und wer bereit ist, für andere zu lügen. Ihre Forschung arbeitet ohne Täuschung und nutzt ökonomische Spiele wie das Diktatorspiel sowie Schummelexperimente, um moralisches Verhalten zu erfassen. Die Autorin diskutiert die Stabilität von Ehrlichkeit, Einflüsse von Gewissensgefühlen und praktische Konsequenzen, etwa für Personalauswahl in Polizei oder anderen Berufen. Für Leserinnen und Leser ist die Relevanz klar: Persönlichkeitsmaße wie der H-Faktor erklären signifikante Teile prosozialen Verhaltens und liefern Hinweise, wie Integrität vorhersehbar gemacht werden kann.
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Das halbe Leben – Eine Tierärztin berichtet
Die Tierärztin schildert eindrücklich die emotionale Seite ihres Berufs: Neben der medizinischen Arbeit sind es vor allem der Umgang mit Tierhaltern und deren Gleichgültigkeit, die sie belasten. Sie berichtet von Situationen, in denen Tiere aus Kostengründen nicht behandelt oder gar eingeschläfert werden sollen, sowie von Defektzucht und Vernachlässigung. Die Autorin beschreibt die inneren Konflikte, das langsame Lernen, Grenzen zu setzen, und die institutionellen Unterstützungsangebote für Mitarbeiter, etwa Coaching und psychologische Ersthilfe. Für Leserinnen und Leser gibt der Text Einblick in die psychische Belastung von Tierärztinnen und Tierärzten und macht deutlich, warum Selbstfürsorge und strukturierte Hilfe im Beruf wichtig sind.
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„Statt Einheitsbrei könnten wir Außergewöhnliches erschaffen“ – Interview mit Markus Langer (KI)
Im ausführlichen Interview erklärt Markus Langer, dass die Nutzung von KI ambivalente Effekte auf unsere kognitiven Fähigkeiten hat: KI kann entlasten und Informationen aufbereiten, aber bei falscher Anwendung Fähigkeiten verlernen lassen. Er unterscheidet zwei Nutzungsarten – vollständige Automatisierung versus menschliche Zweitmeinung – und zeigt, dass nur die zweite das Problemlösungsvermögen erhält. Langer diskutiert Auswirkungen auf Aufmerksamkeit, Kreativität und das Entstehen eines ‚Einheitsbreis‘ durch ähnliche KI-Outputs; zugleich betont er das Potenzial kreativer Nutzer, Außergewöhnliches zu schaffen. Für Praktiker empfiehlt er eine kritische, zeitbewusste Nutzung und die Schulung im Umgang mit KI‑Resultaten.
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Guter Geschmack – Gespräch mit Ulrich Raulff
Ulrich Raulff erläutert, dass Geschmack zugleich höchst individuell und stark kulturell geprägt ist. Er beschreibt, wie Geschmack sich historisch verändert hat und welche Rolle materielle und ökonomische Interessen dabei spielen. Raulff hebt die Bedeutung des ästhetischen Eigensinns hervor und zeigt, dass Tastemaker – von Madame de Pompadour bis Steve Jobs – großen Einfluss auf Stilentwicklung hatten. Für Leser ist der Text relevant, weil er Sensibilität für kulturelle Dynamiken schärft und dazu ermutigt, den eigenen Geschmack aktiv zu entwickeln statt ihn nur als Produkt des Zeitgeists zu betrachten.
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Ausdruck ohne Worte – Kunsttherapie in der Praxis
Der Beitrag stellt Kunsttherapie als freiwilliges, ausdruckszentriertes Angebot in einer tagesklinischen Einrichtung vor. Eine Patientin schildert, wie kreatives Arbeiten ihr hilft, Perfektionismus zu reduzieren und Gefühle auszudrücken; die Therapeutin erklärt Aufbau, Materialien, Gruppengröße und Abläufe. Wissenschaftliche Befunde werden kurz angesprochen: Hinweise auf positive Effekte etwa bei Depressionen und Steigerung der Lebensqualität, aber die Forschung sei noch in Entwicklung. Für Interessierte bietet der Text konkrete Hinweise zu Kosten, Studienlage und typischen Anwendungen der Kunsttherapie.
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Die unbewusste Sprache der Liebe – Buchbesprechung Stephen Grosz
Die Besprechung würdigt Grosz’ Fähigkeit, psychoanalytische Grundsätze anhand von klinischen Fallgeschichten lebendig und verständlich zu vermitteln. Im Zentrum stehen Bindung, Paarbeziehungen und die Herausforderungen des Zusammenlebens. Grosz betont Geduld, Demut und die Bereitschaft, widersprüchliche Gefühle auszuhalten, als Ziele therapeutischer Arbeit. Die Rezension sieht das Buch als nützliche Lektüre für Psychotherapeuten und für Menschen, die Verständnis für die eigene Beziehungsdynamik suchen.
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Unter Menschen – Bücher zu sozialer Angst und Einsamkeit
Der Text bespricht Stefan Hofmanns Ratgeber zur sozialen Phobie und das Buch von Sonia Lippke und Christiane Smidt über Einsamkeit. Hofmann konzentriert sich auf kognitive Verhaltenstherapie und Konfrontationsübungen zur Überwindung von Vermeidungsverhalten; der Rezensent kritisiert leichten holprigen Stil, lobt aber den inhaltlichen Wert. Lippke und Smidt bieten praktische Selbstchecks, Fallbeispiele und Strategien zur Prävention und Überwindung von Einsamkeit. Leser erhalten konkrete Hilfen, Einsamkeit zu erkennen, Lebensphasen zu antizipieren und soziale Bindungen zu stärken.
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Aufgeblättert – Buchauszüge und Empfehlungen
Die Rubrik liefert kompakte Vorstellungen verschiedener Neuerscheinungen. Die Graphic Novel ‚Motten im Kopf‘ beleuchtet das Entstehen einer Magersucht und begleitet Betroffene und Angehörige ohne einfache Heilungsversprechungen. Michael Behrendts Musik-Playlist sammelt 99½ Songs für verschiedene Lebenslagen, von Trost bis Motivation, und erläutert Anekdoten zu einzelnen Tracks. Der Sammelband ‚Rethinking Motherhood‘ thematisiert die Realität von Elternschaft jenseits romantischer Vorstellungen und plädiert für gesellschaftliche Veränderungen. Leser finden hier punktuelle Empfehlungen und Einstiege zu brisanten Themen.
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Sind Sie otrovertiert? – Kritik an Rami Kaminskis Konzept
Die Kritik analysiert Kaminskis Behauptung eines neuen Persönlichkeitsstils namens ‚Otroversion‘, der angeblich zwischen Introversion und Extraversion stünde. Der Rezensent bemängelt fehlende wissenschaftliche Fundierung, unscharfe Definitionen und die Gefahr, etablierte psychologische Begriffe zu verwässern. Zudem wird der Vorwurf des Barnum‑Effekts erhoben: positive, vage Beschreibungen, die vielen Menschen passen. Fazit: Interessante Anregung, aber kein belastbarer wissenschaftlicher Beitrag; Leser sollten skeptisch bleiben.
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Hoffnung ist Übungssache – Rezension zu Jamil Zakis Buch
Die Rezension fasst Zakis Thesen zusammen: Zynismus untergrabe Vertrauen und verhindere Kooperation, doch Hoffnung und Empathie seien trainierbar. Zaki stützt sich auf empirische Befunde aus seinem Social Neuroscience Lab und argumentiert, dass begründete Skepsis – wissenschaftlich informiert – mit Hoffnung kombiniert Handlungsenergie erzeugt. Das Buch plädiert dafür, Vertrauen in kleinen sozialen Kontexten zu üben und aktiv Hoffnung zu kultivieren. Für Leser bietet es wissenschaftlich fundierte Strategien gegen gesellschaftlichen Pessimismus.
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Medien‑Tipps: Mentalisieren
Die Rubrik stellt audiovisuelle Ressourcen vor, die Mentalisierung theoretisch erklären und praktisch illustrieren. Empfohlen werden kurze Einführungsvideos, Podcasts mit Fallbeispielen und Beiträge zu mentalisierungsbasierter Therapie (MBT). Zielgruppe sind sowohl Fachleute als auch interessierte Laien, die vertieft verstehen möchten, wie Missverständnisse in Beziehungen durch bessere Wahrnehmung innerer Zustände reduziert werden können. Der Beitrag liefert konkrete Links und Einschätzungen zur Nutzbarkeit der Medien.
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Ein ziemlich schlauer Brocken – Susanne Schregel: Intelligenz
Susanne Schregels Buch rekonstruiert die Entstehung und öffentliche Wahrnehmung des Intelligenzbegriffs über ein Jahrhundert hinweg. Die Autorin legt besonderen Wert auf die Analyse von Diskursen, Presse, Tests und Verwaltungspraxis und zeigt, wie Intelligenzmessung mit Abgrenzungen zwischen Menschen, Tieren und Maschinen verknüpft war. Schregel argumentiert, dass Intelligenz immer im Kontext von Unterscheidung und Machtpraktiken zu verstehen ist, und beleuchtet u. a. die Rolle von Intelligenztests in Kriegszeiten und unter dem Nationalsozialismus. Die Rezension würdigt die gründliche Quellenarbeit, kritisiert jedoch die Dichte und sperrige Darstellung für breitere Leserschichten.
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„Sagen Sie mal, Herr Simon“ – Gewalt gegen sich selbst als Widerstand
Fritz B. Simon erläutert, dass Selbstschädigung – etwa extremer Verzicht, Suizid oder operative Selbstverletzung – als bewusste Missachtung grundlegender Lebenserhaltungserwartungen Ausdruck eines Widerstands sein kann. Solche Handlungen unterlaufen konventionelle Machtmechanismen, weil sie die Furcht vor Strafe oder Schmerz außer Kraft setzen. In familiären Kontexten führen Essstörungen oder Sucht zu Ohnmachtserleben bei Angehörigen und zu konflikthaften Machtmustern; Therapeutinnen und Therapeuten stehen vor schwierigen Entscheidungen, etwa Zwangseinweisungen. Der Beitrag betont die ethischen und praktischen Dilemmata und gibt Hinweise, wie man in Therapie und Betreuung sensibel und verantwortungsbewusst reagieren kann.
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Leserbriefe: Wahrheit, Hochsensibilität, Bürokratie
Die Leserbrief-Sequenz bringt verschiedene Reaktionen auf frühere Beiträge der Zeitschrift: Ein Leser reflektiert über Wissenschaft, Glauben und die Rolle von Wahrheit als Verständigungsprozess; eine andere Zuschrift ergänzt die Diskussion zu Hochsensibilität mit Hinweisen auf neurodiverse Überschneidungen und Risiken des Burnouts; ein dritter Leser schildert die Belastungen Selbständiger durch bürokratische Hürden. Die Sammlung zeigt, wie Themen der Ausgabe von der Leserschaft aufgegriffen werden und liefert zusätzliche Perspektiven und Anregungen für Redaktion und Publikum.